Eine romanische Pfeilerbasilika | Ausgrabung in der evangelischen Pfarrkirche in Eckenhagen im Oberbergischen Kreis
von Dirk Soechting
Mit freundlicher Genehmigung aus: „Romerike Berge“ Heft 2, 1981
Dieser Grabungsbericht wurde Anfang 1970 abgefaßt. Er war für eine Publikation über Kirchengrabungen des Rheinischen Landesmuseums vorgesehen. Aus verschiedenen Gründen verzögerte sich das Erscheinen des Bandes immer wieder. Daher hat nun der Direktor des Rheinischen Landesmuseums, Dr. C. B. Rüger, den Aufsatz zum Abdruck in dieser Zeitschrift freigegeben. Das Manuskript konnte nicht erneut überarbeitet werden.
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Die evangelische Kirche Eckenhagen liegt in beherrschender Höhe 321 m über NN am Nordabhang des Ortes. Sie wurde 1764 in ihrer heutigen äußeren Form errichtet, brannte jedoch schon 1777 aus und wurde in den folgenden Jahren als Emporenkirche ausgebaut. Der Altar mit Kanzel und Orgelprospekt darüber stammt aus dem Jahre 17811.

Ausschachtungsarbeiten für eine Fußbodenheizung in der Kirche brachten Sockel und Platten zum Vorschein, die mit der heutigen Kirche von 1777 nichts zu tun haben Ausschachtungsarbeiten für eine Fußbodenheizung in der Kirche brachten Sockel und Platten zum Vorschein, die mit der heutigen Kirche von 1777 nichts zu tun haben konnten. Bei der Aufnahme des Befundes am 26. September 1969 erwies sich die Notwendigkeit einer genaueren Untersuchung und Ausgrabung, da Sockel und Platten nach Stil und Art eindeutig einer früheren Bauphase und zwar einer romanischen Epoche zuzurechnen waren.
Im Auftrage des Rheinischen Landesmuseums und des Landeskonservators Rheinland wurde die Ausgrabung in der Kirche in Eckenhagen durch den Verf. in der Zeit vom 7. 11.-12. 12. 1969 durchgeführt.
6 Schnitte wurden angelegt. Schnitt 5 außerhalb der Kirche an der Südmauer des Turmes konnte wegen der einsetzenden Schlechtwetterperiode mit Schnee und Frost nicht beendet werden. Die 5 ausgeführten Schnitte erbrachten die weitgehende Klärung der Bauphasen.
Verlauf der Ausgrabung:
Sichtbar waren zunächst nach den Ausschachtungsarbeiten für die Fußbodenheizung 6 Sockel einer dreischiffigen romanischen Pfeilerbasilika. Dazu gehörten verschiedene Teile von Plattenlegungen und eine große halbrunde Apsis des Mittelschiffes im Osten, die in den Grundmauern erhalten war. Die Anlage ist wie die heutige Kirche ost-westlich orientiert mit vorgeschobenem Turm im Westen.

Durch das Kirchenschiff wurde zur Sondierung zwischen 5,00 und 6,20 m Ost Schnitt 1 angelegt. Dabei kamen Platten beim nördlichen und südlichen angeschnittenen Sockel zum Vorschein, die zur Pfeilerbasilika zu rechnen sind. Sie bezeugen eine Pflasterung der Kirche im Mittel- und in den Seitenschiffen.

Zwischen dem Nord- und Südsockel im Mittelschiff fanden sich im Schnitt 1 ansehnliche Reste eines Estrichbodens aus rötlichem, gestampften Ziegelmehl, der in mehreren, bis zu vier erhaltenen Schichten übereinanderlag. Unter den Sockeln der romanischen Anlage verlief eine durchgehende O-W Mauer aus großen, ungefügen Feldsteinen. Die unteren Lagen dieser Mauern gehörten wie der Estrichboden zu einem vor der romanischen Pfeilerbasilika errichteten Kirchenbau. Da dieser Estrichboden nur im Mittelteil des Schnittes auftauchte, muß es sich bei dieser Kirche um einen einschiffigen Bau gehandelt haben. Im Norden und Süden wurden die Fundamente dieser Mauer freigelegt. Auf die Grundmauern der ersten vorromanischen Anlage sind zwei Lagen einer neuen Mauer aufgelegt, denen dann die Sockel aufruhten. Wegen der Hanglage der Kirche sind die Fundamente im Norden nur sehr flach oberhalb des gewachsenen Bodens, im Süden reichten sie dagegen tief hinunter. Am Sockel der Nordreihe konnte das Verhältnis des Vorgängerbaus zur romanischen Anlage geklärt werden. Der Estrichboden stieß an die unterste Lage der nördlichen Grundmauer und diese wies noch Reste eines Kalkverputzes auf.


Schnitt 2 wurde zwischen 12,50 und 15,00 m Ost angelegt, um die Länge des nördlichen Seitenschiffes und dessen Abschluß festzustellen. Der Befund im Osten war jedoch wegen Ein- und Umbauten am Altar weitgehend gestört. Der Abschluß des nördlichen Seitenschiffes ließ sich aber noch an den Kanten eines Steinblockes innen an der nördlichen Außenwand der heutigen Kirche ablesen, die die Innen- und Außenseite der östlichen, nach den Kanten geraden Abschlußmauer bildeten. Die Seitenschiffe der romanischen Anlage waren demnach wesentlich kürzer als das Mittelschiff. Die spärlichen Mauerreste bei 14,00 m Ost/2,20 m Süd lassen sich noch dem Vorgängerbau zurechnen. Die Mauer ist ab 14,40 m Ost gestört. Ein Teil des Estrichbodens – in höherer Lage als in Schnitt 1, aber in der gleichen Zusammensetzung, Schichtung und Farbe des Bodens – wurde freigelegt. Er gehört zum Vorgängerbau.
Der Befund ist an dieser Stelle ab 14,56 m Ost gestört. Darunter sind, weiter südlich, zwischen 14,60 und 17,20 m Ost und 8,60 bis 8,90 m Süd, Reste der Südmauer vom Hauptschiff der romanischen Kirche erhalten. Beim Einbau eines Heizungskellers 1954 wurde die größere Hälfte dieser Mauer sowie die Fortsetzung nach Osten gestört, so daß nur noch die Innenseite in zwei Lagen aus großen, unregelmäßigen Steinen erhalten war.

Verschiedene Bestattungen wurden bei der Ausweitung des Schnittes 2 nach Osten bis zur Wand der 1954 unter dem Altar eingebauten Heizung angeschnitten, waren je doch gestört, umgebettet oder sehr jungen Datums und lagen inmitten einer Schuttschicht, die nach den Funden vom Brand der Kirche 1777 stammen mußte.
Schnitt 3 wurde im Südwesten der Kirche zwischen 0,0 und 1,20 m Ost angelegt, um das Verhältnis der Bauphasen des Langhauses mit seinen Seitenschiffen zu denen des Turmes zu untersuchen. Freigelegt wurde die Südmauer des Vorgängerbaues, die nach einem Absatz von 22 cm 1,40 m tief hinunterführt. Ihr vorgelagert erschien eine im Westen halbrund abschließende Steinsetzung mit der lichten Weite von 0,80 m. Sie verlief nach Osten in das Profil, konnte aber nicht weiter verfolgt werden. Mutmaßlich handelt es sich um ein Grab, das an der Außenmauer der ersten Kirche angelegt wurde. Bemerkenswert war eine etwa 0.05 m dicke Brandschicht unter dem romanischen Horizont, die sich nur bis 1 m südlich der Grundmauer erstreckte, also einer Zerstörung der ersten Anlage zuzurechnen ist.
Im Mittelteil der Kirche wurden im Schnitt 3 Platten der romanischen Anlage gefunden. unter denen sich eine Bestattung in SW-NO Ausrichtung in einem vergangenen, als braune Verfärbung kenntlichen Holzsarg befand.
Die westlichen letzten Sockel der romanischen Anlage waren ganz dicht an den Turm herangerückt und in diesen mit Aussparungen eingelassen. Das erwies die zeitliche Zusammengehörigkeit von Turm und Kirchenschiff.
Im Schnitt 4 zwischen 8,70 und 11,00 m Ost kamen im Südteil verstürzte Platten des romanischen Baus zum Vorschein. Darunter fand sich wieder – wie in Schnitt 3 – eine etwa 5 cm dicke Brandschicht. Die Mauer des Vorgängerbaus, auf der die Sockel der romanischen Kirche ruhen, wurde freigelegt und zeigte die tiefe Abstützung der Südseite der Anlage. Die Mauertechnik mit großen, unregelmäßigen Blöcken ist hier besonders deutlich von der der romanischen Anlage zu unterscheiden.

Teile des Estrichbodens kamen auch in diesem Schnitt bei 6,70 bis 7,20 m Süd und 10,00 bis 12,00 m Ost zum Vorschein. Auch wenn diese Teile des Bodens höher als in Schnitt 1 lagen, sind sie dem Vorgängerbau zuzurechnen.
In den Estrichboden eingetieft fand sich eine Bestattung in einem Holzsarg; nach den Funden (Leder, Scherben) war sie erst in jüngerer Zeit in den Boden durch die Estrichschichten hindurch eingelassen worden.
Schnitt 5 wurde außen an der Südmauer des Turmes angelegt, konnte aber wegen des schlechten Wetters nicht zu Ende geführt werden. Der Schnitt brachte den Ansatz des Fundamentes unter der SO-Ecke des Turmes zu Tage2.
Schnitt 6 im Turminneren, 1,10-3,10 m West, brachte die Fundamente des Turmbaues, 1,60 m lang und 0,90 m breit mit zwei älteren Steinlagen hervor. Diese zwei unteren Steinschichten wiesen nach Fügung, Breite und Größe der Blöcke eine andere Struktur auf. Sie waren zudem in der Ausrichtung von dem aufgehenden Mauerwerk durch einen leicht nach Süden gezogenen Verlauf zu unterscheiden. Daraus ist zu schließen, daß zu der einschiffigen kleinen, aber sehr langen Kirche, ein Turm gehörte, der mit dem romanischen Neubau dann in stattlicherer Form errichtet wurde. Auf diesen beiden unteren Steinlagen lag – leicht eingerückt – das etwas schmalere Mauerwerk des romanischen Turmes.
Im Schnitt 6 im Turminneren fand sich in 1,37 m Tiefe unter dem heutigen Niveau bei 1,65 m West und 3,96 m Süd in einer Steinsetzung aus schmalen behauenen Steinplatten eine Bestattung in O-W Ausrichtung, nach Anlage und Tiefe die älteste in der Kirche gefundene. Zum Kopf hin verjüngte sich die Steinsetzung, so daß der Schädel eng eingepaßt zwischen den Steinen lag. Auffällig war die Länge des Bestatteten, die über 1,80 m betrug (Abb. 17).

Der Turm ist bis zur Glockenstube in seinem ursprünglichen, romanischen Zustand erhalten. Die Haube des Turmes wurde beim Wiederaufbau der Kirche nach 1777, der 1795 abgeschlossen war, aufgesetzt3. In der südlichen Turmwand befindet sich ein sehr schmaler Treppenaufgang. Die Turmstube ist mit einem Durchgang zu der Empore der romanischen Anlage verbunden, der auch nach Ausweis der teilweise erhaltenen Malerei (Abb. 2 -4) in der Kirche von 1764 benutzt wurde4. Heute ist er zugesetzt.
Funde:
Auf dem romanischen Plattenboden fanden sich mehrere Münzen5 von denen drei zu datieren sind: Fund Nr. 1: Silbermünze von 1732 bei 5,32 m O/2,88 m S, 0,46 m Tiefe; Fund Nr. 3: Bronzemünze (Stüber) von 1754 bei 4,35 m O/5,95 m S/0,60m Tiefe; Fund Nr. 5: Silbermünze von 1404— 07 bei 9,50 m O/7,80m S/0,75m Tiefe. Die drei Münzen dokumentieren den Bestand der romanischen Anlage bis zum Neubau von 1764.
Eine Reihe weiterer Funde wurde gemacht, die aber die Bauphasen der drei aufeinanderfolgenden Kirchenanlagen nicht näher zu datieren vermögen.
Die Geschichte der Eckenhagener evangelischen Kirche stellt sich nach den Ausgrabungsbefunden folgendermaßen dar:
1. Schmale Saalkirche mit den lichten Maßen von 5,00 m Breite und über 14,50 m Länge. Erhalten sind die Nord- und Südmauer. Bei 12,00 m Ost Reste einer Quermauer (Abb. 18). Die östliche Abschlußmauer ist nicht erhalten, da der Boden zwischen 14,60 m und 17,00 m Ost gestört ist. Bis 14,56 m Ost reicht der Estrichboden. Weitere Teile des Estrichbodens aus rotem, gestampftem Ziegelmehl wurden in den Schnitten 1 und 4 freigelegt.
Datierende Funde für diesen ersten Kirchenbau fehlen. Die Technik des Mauerwerks, grobe, ungemörtelt verwandte Felsbrocken unterscheidet sich von der der romanischen Anlage. Die Grundmauern des Turmes, eine doppelte Schicht von langen, nicht sehr hohen, behauenen Grauwackenquadern, aufruhend auf einem breiten Fundament im SO, gehören zu dieser Bauphase. Die Ausrichtung ist – entgegen der heutigen strikten O-W-Achse leicht schräg NW-SO verlaufend.

Die Zerstörung dieser Anlage erfolgte offensichtlich durch Brand: Unterhalb des romanischen Baus und außerhalb der Grundmauern der ersten Anlage fand sich in den Schnitten 1, 3 und 4 eine Brandschicht von annähernd 0,05 m Dicke, reichte aber nicht weiter als 1 m nördlich wie südlich außerhalb der Grundmauern. Außerdem wurde diese Brandschicht an mehreren Punkten im Mittelschiff über dem Estrichboden festgestellt.
Eckenhagen spielte gerade in der frühen Geschichte des Oberbergischen Landes eine bedeutsame Rolle. Nach der Form des Ortsnamens kann man die Besiedlung des Eckenhagener Raumes dem 10. Jahrhundert n. Chr. zurechnen6. Über Eckenhagen lief eine wichtige Fernstraße des Landes und das gesamte Gebiet muß schon früh mit dem Abbau von Silber und Erz einen wichtigen Faktor für den rheinischen Wirtschaftsraum gebildet haben7. Die Bedeutung gerade dieses Ortes in der Geschichte ist dokumentiert durch die Schenkung des Reichshofes Eckenhagen an Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln im Jahre 11678. Dabei kamen auch die reichen Blei- und Silbergruben in seinen Besitz. Doch schon lange vorher muß Eckenhagen Reichshof und von Wichtigkeit gewesen sein9, sonst hätte man Rainald von Dassel nicht damit beschenkt.
In die Periode der Erschließung und des Ausbaues des Oberbergischen Landes gehört die erste Anlage der Eckenhagener Kirche. Man kann daher die Gründung der frühesten, einfachen Saalkirche nur an- nähernd im 10./11. Jahrhundert annehmen10.
2. Die romanische Pfeilerbasilika trat nach dem nachzuweisenden Brand an die Stelle der ersten Kapelle. Die Länge betrug 21,60 m und die Breite 11,40 m. Erhalten sind die untersten Lagen der Nord- und Südmauern unter den heutigen Kirchenwänden, auf denen 8 Sockel mit ihren Fundamenten aufliegen, verschiedene Teile des Plattenbodens und die Grundmauern einer großen, halbrunden Apsis sind erhalten.
Der Abschluß des nördlichen Seitenschiffes ließ sich bei 14,60 m Ost in der Nordwand an herausragenden Kanten, die die Innen- bzw. Außenmauern darstellen, feststellen. Danach besaßen die Seitenschiffe gerade Abschlüsse. Der Befund im südlichen Seitenschiff war durch Einbau einer Heizung schon früher gestört.
Vom Hauptschiff waren die Grundmauern im Norden bis 14,40 Ost und im Süden bis 17,10 m erhalten. Von der großen halbrunden Apsis wurden Teile mit dem Abschluß im Osten ausgegraben. Das gemörtelte Mauerwerk besteht aus großen, teils regelmäßigen, teils unregelmäßigen Felsbrocken. Im Süden ist der Befund zwischen 17,20 und 21,00 m Ost gestört. Auf den dicken Fundamentmauern – den Mauern des Vorgängerbaus – ruhen 8 Sockel als Stützen für umfangreiche Pfeiler, die das Kirchendach trugen. Sie bestanden aus grauweißen Tuffquadern mit abgeschrägten Profilen und sorgfältig bearbeiteten und geglätteten Flächen. Sie haben die Maße von 1,20 x 1,00 m. 6 von ihnen sind ganz, einer in Teilen erhalten, der achte wurde nur angeschnitten. Der größere Teil davon liegt noch unter dem an dieser Stelle nicht abgehobenem Fußboden.
Teile der romanischen Plattenpflasterung kamen in den Schnitten 1-4 zu Tage. Andere Abschnitte davon waren – vor allem im nördlichen Seitenschiff – schon bei den Ausschachtungsarbeiten für die Fußbodenheizung freigelegt worden.
Datierende Funde für die Anlage fehlen. Die Münzfunde auf dem romanischen Fußboden von 1732 und 1752 bezeugen die Benutzung der Anlage bis in diese Zeit. Die Datierung des Bauabschnittes kann daher nur im Vergleich mit ähnlichen Anlagen gewonnen werden.
Im Oberbergischen Land wie überhaupt im gesamten rheinisch-westfälischen Raum ist über die Jahrhunderte hinweg eine erstaunlich große Zahl von romanischen Kirchen erhalten11. Die Anlagen lassen sich entweder dem westfälischen oder dem nieder rheinischen Typus zuordnen. H. Kubach12 und W. Zimmermann 13 haben auf die Gliederung der Kunsträume in der romanischen Zeit hingewiesen. Es ergibt sich demnach eine klare Grenze zwischen rheinischer und westfälischer Kirchenbaukunst der romanischen Zeit. Lediglich im Gebiet des Oberbergischen Landes findet eine Vermischung der Bauformen statt, wie sie in keinem Gebiet in dieser Deutlichkeit sichtbar wird14. Zum anderen rechnet die grundlegende Arbeit von F. Esterhues15 den Typus der Kleinbasiliken in diesem Gebiet – wie er in den Kirchen von Müllenbach, Lieberhausen und Wiedenest am vollständigsten verkörpert und auch erhalten ist – nicht zur reinen westfälischen Art, sondern bezeichnet sie zu recht als eine Mischform. Er betont dabei aber bezeichnenderweise, daß eine niederrheinische Komponente in diesen Bauten nicht festzustellen ist. Ihre kompakte, mauergewaltige und dabei kleinräumige Bauweise unterscheidet sich von der lichteren, großräumigeren und dadurch großzügigeren der niederrheinischen Art.
Die nördlichste romanische Anlage, die nach Bauweise und Typus noch dem niederrheinischen Gebiet zuzurechnen ist, ist in der evangelischen Dorfkirche von Meinerzhagen in Westfalen erhalten16. Der Bautypus ist durch die Lage an einer wichtigen Verkehrsverbindung bedingt, die ins Rheinland führt und den starken Einfluß des Rheinlandes bis in dieses Gebiet zeigt17. Auch Eckenhagen liegt an einer derartigen bedeutsamen frühen Verkehrsverbindung, die erst den Abtransport der Blei- und Silbervorkommen aus dem Eckenhagener Raum ermöglichte18.
Die dreischiffige romanische Basilika von Eckenhagen zeigt die schlanken, bearbeiteten Pfeilersockel wie sie im niederrheinischen Raum in den Kirchenbauten sehr häufig vorkommen. Räumlich nächstes Vergleichsbeispiel ist dafür die romanische Kirche in Morsbach19. Die Kirche weist Pfeilerstellungen auf, in Eckenhagen sind dagegen nur 4 nachweisbar. Auch in den Proportionen der Sockel ergaben sich Abweichungen, die im Sinne eines zeitlichen Abstandes gedeutet werden müssen. Die Sockelschrägen weisen in Morsbach höhere, stärker geneigte und auch schlankere Formen auf, wohingegen die Sockel der Eckenhagener Anlage eine derbere und kompaktere Ausformung erkennen lassen. Die Morsbacher Form der Sockel läßt sich im Sinne einer zeitlichen Weiterentwicklung ansehen. Die Erbauung der romanischen Anlage von Morsbach wird in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts gesetzt20.
Nach dem Vergleich von Anlage und Form kann man auch für die romanische Kirche in Eckenhagen eine Emporenkirche annehmen, wie sie in Morsbach und auch in Meinerzhagen noch in der alten Form und Ausgestaltung erhalten sind. Dafür ist zudem der jetzt zugesetzte Durchgang von der Turmstube aus ein deutlicher Beweis.
Die niederrheinischen Kirchtürme weisen in ihrem äußeren Aufbau eine reiche Gliederung mit Lisenen und Rundbögen und mehrfachen Absätzen auf. Die Türme der westfälischen Art besitzen einen gedrungenen, ungegliederten Aufbau21. Die schlanke Form des Eckenhagener Kirchturmes, dem das heute aufsitzende Dach mit seiner achtseitigen Haube und abschließendem Spitzhelm mit zwischenliegenden Laternen erst zur Barockzeit aufgesetzt wurde22, weicht von der gedrungenen Form der westfälischen Art ab und stellt demgegenüber eine Mischform dar, die Niederrheinisches und Westfälisches in harmonischer Form vereinigt.
Man ist natürlich versucht, eine Verbindung zwischen der Errichtung der romanischen Kirche von Eckenhagen und der Schenkung des Reichshofes Eckenhagen an Rainald von Dassel im Jahre 1167 anzunehmen. Doch widerspricht dem wohl die eindeutig nachzuweisende Brandschicht, die den ersten einschiffigen kleinen Bau des 10. Jahrhunderts als durch ein Feuer zerstört erscheinen läßt. Man kann eine ungefähre Datierung nur nach den Bauformen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erschließen. Die Errichtung der Eckenhagener Kirche im niederrheinischen romanischen Baustil in dieser Zeit dokumentiert sehr deutlich die Bedeutung des Ortes – wie auch mit den vergleichbaren Anlagen in Morsbach und Meinerzhagen des gesamten Oberbergischen Raumes – für das Rheinland und dessen Einfluß auf dieses Gebiet.
Ob an der romanischen Anlage des 12. Jahrhunderts in den folgenden Zeiten Veränderungen vorgenommen worden sind, ließ sich durch die Ausgrabungen in der Kirche nicht mehr klären. So blieb vor allem der Ostabschluß unklar. Sicher ist nur die weite, halbrunde Apsis im Osten. Die Seitenschiffe werden nach dem Befund an der Nordmauer der Kirche einen geraden Abschluß besessen haben, doch ist durch Um- und Einbauten in diesem Bereich weiter nichts erhalten. Ob die Verbindung zwischen Hauptschiff und Apsis einen eingerückten Chor vorsah, wie er in Morsbach erhalten ist, mußte unklar bleiben. Denkbar wäre auch der Einbau eines gotischen Querhauses wie er in unzähligen romanischen Kirchenanlagen der Zeit und des Gebietes erhalten ist23. Dafür spricht die Höherlegung und Einbeziehung des 4. romanischen Sockels der Nordreihe in die Plattenlegung und die Störung des Baubefundes der früheren Anlagen würde dadurch erklärt.
3. 1764 wurde die Barockkirche errichtet, offensichtlich ebenfalls mit einer umlaufenden Empore wie sie für den Bau der romanischen Zeit zu erschließen ist. Im Durchgang von der Turmstube aus sind Malereien mit der Jahreszahl (17)62 erhalten. In dieser Art muß man sich die Ausschmückung der Kirche vorstellen (Abb. 2-4)24. Zudem fanden sich bei der Ausgrabung verschiedene Reste von Pfeilerstellungen im Süden wie im Westen der Kirche, die dieser ersten barocken Bauphase zuzurechnen sind. 1777 brannte das Innere der Kirche aus.
4. In den Mauern der Kirche von 1764 wurde nach dem Brand die Kirche in ihrer heutigen Form als Emporenkirche errichtet. Typisch für das Oberbergische Land ist der Dreifachaufbau von Altar, Kanzel und Orgelprospekt übereinander, die laut Inschrift 1781 (Altar) und 1794 (Orgel) erstellt wurden.
Die Freilegung der romanischen Anlage in der Kirche in Eckenhagen hilft, den kulturellen Einfluß des Niederrheins bis in das Oberbergische Gebiet erneut zu dokumentieren und zu erhärten. Der Einfluß der Kirchen um Bonn und Köln wird nicht nur sichtbar an den Erwähnungen in frühen Urkunden, sondern zeigt sich auch in der Kirchenbaukunst der romanischen Zeit. Neben Morsbach und Meinerzhagen vermehrt die romanische Anlage in Eckenhagen den Typus und die Kenntnis derartiger rheinisch beeinflußter Anlagen in diesem äußersten Kulturzipfel des Rheinlandes.

Literatur:
Vorbemerkung: Dank schulde ich für Hinweise und Ratschläge bei der Abfassung des Manuskriptes H. Borger, G. Walzik u. V. Zedelius. Die Grabung wurde von der evangelischen Landeskirche finanziert.
1 Abb. bei D. Rentsch, Oberbergischer Kreis 1, S. 46, Abb. 103.
2 1953 statische Sicherungsarbeiten am Turmfundament, D. Rentsch, Oberbergischer Kreis 1, in: Die Denkmäler des Rheinlandes (Düsseld. 1967) 45.
3 D. Rentsch, a. a. O. 46.
4 Bei D. Rentsch, a.a.O. 46 ist die Inschrift im Durchgang unvollständig und unrichtig wiedergegeben, vgl. deswegen hier Abb. 2-4 und den gesamten ausgemalten Bogen, soweit erhalten.
5 Die Münzen und übrigen Funde der Ausgrabung gelangten unter der Eingangsnummer 72/69 ins Rheinische Landesmuseum.
6 Rutt, Oberbergisches Land (Köln 1958) 94.
6 Brinkmann/Müller-Ming, Oberbergischer Kreis, Die deutschen Landkreise, Land Nordrhein-Westfalen (Bonn 1965) 52 f. Dittmair, Zeitschrift d. Bergischen Geschichtsvereins 74, 1956, 83, 266
7 Brinkmann/Müller-Ming, a. a. O. 92.
8 Rutt. Oberbergischer Kreis (Köln 1958) 95, Abb. 96;
Brinkmann/Müller-Ming, a. a. O. 92.
9 Rutt, Oberbergischer Kreis (Köln 1958) 95.
10 Brinkmann/Müller-Ming, a.a.O. 55; H. Conrad, Zur Geschichte der Nümbrechter Kirche (Gummersbach 1955) vgl. die Befunde in den Kirchen von Nümbrecht
(H. Conrad, zur Geschichte der Nümbrechter Kirche, in Beiträge zur Heimatgeschichte (Gummersbach o. J. [1955] und Gummersbach, Ausgrabung von H. Borger, Hinweise auf den Befund verdanke ich G. Walzik, der diese Probleme in seiner Diss. ausführlich behandelt.
11 Clemen, Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 5, 1. 4. (Düsseld. 1900); (E. Renard) 15ff;D. Rentsch, Oberbergischer Kreis, Die Denkmäler des Rheinlandes (Düsseld. 1967).
12 H. Kubach, Der niederrheinische Kunstraum von der ottonischen bis zur staufischen Zeit, Zeitschrift des dt. Vereins für Kunstwissenschaft 5, 1938, 1 ff, bes. 9 f.
13 W. Zimmermann, Zur Grenze des niederrheinischen zum westfälischen Kunstraum, Rheinische Vierteljahresblätter 15/16, 1950/51,465 ff.
14 H. Kubach, a. a. O. 9; W. Zimmermann, a. a. O. 465 ff.
15 F. J. Esterhues, Die romanischen Kleinbasiliken in Westfalen, dem Waldeck und den angrenzenden Landstrichen Hessens (Diss. Bonn 1951, ungedruckte Maschinenschrift).
16 H. Kubach, a.a.O. 9; Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Berlin 1912) Bd. 5, 347.
17 Brinkmann/Müller-Ming, Oberbergischer Kreis, Die deutschen Landkreise, Land Nordrhein-Westfalen (Bonn 1965) 52.
18 Brinkmann/Müller-Ming, a.a.O. 52; Rutt, Oberbergischer Kreis (Köln 1958) 68.
19 Clemen (E. Renard), Kunstdenkmäler der Rheinprovinz (Düsseld. 1900) 5, 1.4; 71 ff; D. Rentsch, Oberbergischer Kreis, Die Denkmäler des Rheinlandes (Düsseld. 1967) Bd. 2, S. 30.
20 D. Rentsch, a.a.O. 30; vgl. zum Baubefund neuerdings St. Martin in Sinthern, Ausgrabung W. Janssen mit übereinstimmenden Baubefunden und -phasen.
21 H. Kubach, Zeitschr. d. Dt. Vereins f. Kunstwiss. 5, 1938, 7, Fig. 2.
22 D. Rentsch, a.a.O. Bd. 2, S. 45 f.
23 Clemen, a. a. O. z. B. Müllenbach, Lieberhausen. Wiedenest.
24 vgl. Anm. 4.