angedacht: Hoffnung - hier und dort


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Nach einem unvergleichlichen Sommer mit Sonne, Licht und Wärme, über den sich viele Menschen gefreut, ja den sie genossen haben, der aber auch gerade den Landwirten große Sorgen bereitet hat, gehen wir auf die dunkle Jahreszeit zu. Ich weiß von manchen Gemeindegliedern, denen allein der Gedanke an die lange Dunkelheit und Kälte Angst macht, weil sie dann verstärkt mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen haben. So bringt dieser Abschnitt im Jahreslauf für manche besondere Herausforderungen mit sich. Hierzu gehört das Gedenken an die Verstorbenen, und damit oft eng verbunden das Gedenken der eigenen Sterblichkeit. Stellen wir uns dieser Herausforderung und damit auch den dunklen Seiten des Lebens?

Der Monatsspruch für November aus Offenbarung 21, Vers 2 kann uns mit seiner sehr kräftigen, bildhaften Sprache die Tür aufstoßen hin zu einem Blick auf Gottes neue Welt:

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
(Offenbarung 21, Vers 2)

Nun mag uns dieses Bild zunächst recht fremd erscheinen, so als ob das neue Jerusalem wie bei „Raumschiff Enterprise“ von dort nach hier gebeamt werden würde. Und doch sollten wir uns konkrete Hoffnungsbilder nicht allzu schnell verkneifen, weil der christliche Glaube doch eher eine geistliche Sache sei. Doch wenn das Christentum sich auf abstrakte Vorstellungen beschränkt und von vorherein starke Hoffnungsbilder ausblendet, wird es hohl und leer.

Die Stadt Jerusalem ist, biblisch gesehen, ein Hoffnungsbild für ein Zusammenkommen und das enge Zusammenleben der Menschen und die heilsame, erlebbare Nähe Gottes unter ihnen. Die derzeitige Situation Jerusalems ist hingegen eher zu einem Symbol geworden für nicht endende Konflikte, den Streit zwischen den Religionen und politische Zwietracht.

Man will eigentlich nichts mehr vom Nahostkonflikt sehen und hören! Mauern der Abschottung gipfeln in dem Bauwerk einer kilometerlangen Mauer, die zum Schutz und zur Abgrenzung errichtet wurde. Gegenüber diesem sozusagen „einzementierten“, unheiligen Zustand des Stillstands und deutlichen Rückschritts, der sich ja in vielen Gegenden der Welt findet bis hin zur Rede von der „Festung Europa", soll sich unser Blick weiten auf die großen Möglichkeiten Gottes. Dies vor Augen, sind Christen dazu berufen, im Hier und Heute Botschafterinnen und Botschafter der Hoffnung zu sein: Es kann und soll anders gehen, es kann und soll friedlicher werden unter uns Menschen! Dem ewigen Abgrenzen und Schüren von Ängsten und dem ängstlichen Blick auf Besitzstandswahrung setzen wir die Hoffnung entgegen, setzen auf Austausch und Verständigung, und wo es geboten ist, sagen wir laut und deutlich „Nein!“. Jesus Christus hat uns gelingendes Zusammenleben ermöglicht, er schenkt uns Versöhnung, er, der in seinem Wirken auf Erden verschiedenste Menschen anrührte, heilte, neues, erfülltes Leben gab.

Einen Ausdruck dafür finden wir im gemeinsamen Mahl, im Feiern und etwa der Hochzeit zu Kana: Es ist genug für alle da! Auch wenn Ihr meint, dass der Mangel vorherrscht, er bringt die Fülle! Gott lädt uns ein zu seinem Fest, zur fröhlichen Hoffnung und zum Teilen seiner Liebe. Und wenn es dann einmal gilt, dieses irdische Leben zurückzugeben in seine Hand, oder einen Menschen, um den wir trauern, loszulassen, müssen wir uns keine großen Gedanken darüber machen, wie genau die man sich die „goldenen Gassen“ von Gottes neuem Jerusalem vorzustellen hat. Vielmehr zählt dann, zu Hause anzukommen, in ewiger Gemeinschaft, die durch nichts getrübt werden wird.


Mit herzlichen Grüßen
gez. Ihr Martin Will (Pfarrer)