angedacht: Brücken bauen!


Pfingsten, Taube
An Ostern sah ich eine faszinierende Dokumentation über die Hängebrücke Q’iswachaka in Peru. Sie überspannt dort einen Canyon. Der deutsche Filmemacher ging mit zittrigen Beinen bis zur Hälfte der baufällig gewordenen Brücke. - Mir wurde schwindlig allein vom Zuschauen! Das Besondere an dieser Brücke ist, dass sie aus geflochtenem Gras gefertigt wird. Seit vielen hundert Jahren wird die Brücke Jahr für Jahr in einem großen Gemeinschaftsprojekt durch Bewohner der umliegenden Ortschaften erneuert. Die gemeinsame Anstrengung endet mit einem großen Fest.
Mir wurde der peruanische Brückenbau zum Gleichnis. Beim Zusehen kamen mir die erschütternden Bilder aus Sri Lanka in den Sinn, wo am Ostersonntag mehr als zweihundert Menschen in Kirchen und Hotels durch Bombenanschläge sinnlos und gewaltsam in den Tod gerissen wurden. Die Vermutung liegt nahe, dass durch solch brutalen Terror die Gräben zwischen Volksgruppen und Religionsgemeinschaften weiter vertieft werden sollen. Jeder Versuch von Verständigung und Annäherung soll systematisch durch Gewalt untergraben oder von vornherein unterbunden werden. - Zugleich wurden wir daran erinnert, dass das Osterfest die Realität von Leid, Sterben und Tod gerade nicht verharmlost, sondern sich erst von Karfreitag aus in seiner Tiefe erschließt. Jesus Christus hat sich unserer innereren Verlorenheit und Sünde entgegengestellt, nichts weniger als um uns zu retten.

Zugleich habe ich das bevorstehende Pfingstfest vor Augen. Da ist durch Gottes Geist das große Wunder geschehen, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft und Sprache zusammenfanden zu einem großen „Brückenbau". Die treibende Kraft sind hier gerade nicht die Kraftmeier und Sprücheklopfer gewesen, sondern Leute, die auf Gottes Geist vertrauten.

Es soll nicht durch Heer oder Kraft,
sondern durch meinen Geist geschehen,
spricht der HERR Zebaoth.

(Sacharja 4, Vers 6)

Nun leben wir in einer Welt, in der nationaler Egoismus aufs Neue die Menschheit bedroht. Statt Brücken zu bauen, werden sie willkürlich abgebrochen, sei es beim Klimaschutz, bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, der Völkerverständigung oder dem Gespräch zwischen den Religionen. Neue Grenzen werden hochgezogen oder verstärkt: „Mein Land zuerst“ lautet die Devise. Ahnt man, dass wir im reichen Norden unseren Luxus und Konsum gerade auch auf Kosten armer, benachteiligter Menschen leben? Eine wichtige Einsicht der ersten Christen war von Pfingsten her, dass in Wirklichkeit genug für alle da ist. Sie lernten, miteinander ihr Hab und Gut zu teilen, wobei die besondere Aufmerksamkeit den "Schwachen", den Armen, Witwen und Waisen geschenkt wurde.

Lassen Sie uns zusammen österlich-pfingstliche Brückenbauer sein! Stellen wir uns den Propagandisten auch in unserem Land entgegen, die das „christliche Abendland“ beschwören, während sie, sei es dumpfbacken oder intelligent-verschlagen, auf zutiefst unchristliche Weise Brücken einreißen. Extremer Populismus findet seinen Nährboden am leichtesten in einer Atmosphäre der Angst, er schürt die Unzufriedenheit und freut sich an einem „Wir“, das sich defeniert gegen „die Anderen".

Lernen wir vielmehr, mit Gegensätzen umzugehen, den Reichtum der Kulturen und die Einzigartigkeit eines jeden Menschen schätzen zu lernen, ohne dabei eigene Glaubensüberzeugungen über Bord zu werfen.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen und Euch frohe Pfingsttage!


Mit herzlichen Grüßen
gez. Ihr Martin Will (Pfarrer)